Teilprojekt der Hochschule Ravensburg-Weingarten

Pflege im ländlichen Raum

Wissenschaftliche Leitung:

Prof. Dr. Maik H.-J. Winter

Ansprechpartnerinnen:

Claudia Boscher, M.A. Gesundheitsförderung; wissenschaftliche Mitarbeiterin

Franziska Preiß, B.A. Pflegepädagogik; wissenschaftliche Mitarbeiterin

Johannes Steinle, M.A. Angewandte Gesundheitswissenschaft; wissenschaftlicher Mitarbeiter


Das Teilprojekt der Hochschule Ravensburg Weingarten adressiert vorrangig die beiden Handlungsfelder I und II:

Handlungsfeld I: Vorhandene Fachkräfte im Pflegeberuf halten

Handlungsfeld II: Neue Fachkräfte gewinnen und neue Potenziale erschließen

 

Dabei wird in zwei Teilvorhaben die spezifische Situation des Fachkräftemangels im ländlichen Raum sowie die Sicht zukünftiger Pflegeempfänger*innen in den Blick genommen.

Teilvorhaben I: Die Perspektive der Leistungserbringer

Teilvorhaben II: Die Perspektive zukünftiger Leistungsnutzer*innen

 

Um die mit dem ländlichen Raum assoziierten Besonderheiten in der Pflege umfassend zu ermitteln, wurde ein empirischer Zugang mit folgenden Methoden gewählt:

  • Unter explorativer Herangehensweise werden Expert*innen aus Pflegeunternehmen, Kommune und Welcome Center in der Region Bodensee-Oberschwaben zu aktuellen personalpolitischen und strukturellen Problemstellungen der Pflegebranche sowie möglichen Bewältigungsstrategien befragt. Methodisch kommen dabei Fokusgruppendiskussionen mit Personalverantwortlichen aus den Pflegeunternehmen sowie Expert*innenbefragungen mit Vertreter*innen aus Kommune und Welcome Center zum Einsatz.
  • Auf Basis der Ergebnisse dieser explorativen Erhebungen werden anschließend alle in der Region Bodensee-Oberschwaben ansässigen Pflegeunternehmen schriftlich zu verschiedenen Problemlösungsstrategien befragt. Dabei werden positive Schlüsselkonstellationen für eine erfolgreiche Personalgewinnung, -bindung und ‑entwicklung in der Pflege ermittelt.
  • Die Perspektive zukünftiger Nutzer*innen pflegerischer Leistungen wird durch eine repräsentative Bevölkerungsbefragung eruiert. Angehörige pflegenaher Jahrgänge werden zu ihren Auffassungen, Vorstellungen, Erwartungen und Präferenzen zu guter Pflege befragt.
  • Diese Ergebnisse werden durch vertiefende, leitfadengestützte Interviews mit Angehörigen pflegenaher Jahrgänge ergänzt und validiert. Weitere Spezifika von Pflege im ländlichen Raum werden herausgearbeitet.

Teilvorhaben I: Die Perspektive der Leistungserbringer

In einem 2-Phasen-Mixed-Methods-Design wird die Fachkräftesituation in der Region Bodensee-Oberschwaben beschrieben und analysiert. Ziel ist es, Strategien und Handlungsleitlinien für positive Schlüsselkonstellationen erfolgreicher Personalarbeit in der Pflege abzuleiten.


Fokusgruppendiskussionen

Die Expert*innen aus akutstationärer, ambulanter und langzeitorientierter Pflege diskutieren in leitfadengestützten Fokusgruppendiskussionen folgende Forschungsfragen: Wie schätzen Pflegeunternehmen die aktuelle und zukünftige Fachkräftesituation in der ländlichen Region ein? Was kann auf Unternehmensebene getan werden, damit die Beschäftigungsfähigkeit erhalten und entwickelt werden kann? Welches Potential birgt die Rekrutierung von Pflegefachkräften aus dem Ausland - insbesondere für ländliche Regionen in Baden-Württemberg?

Ziel ist es, zunächst mehr über die Pflegefachpersonalsituation in ländlichen Regionen und damit verbundene personalpolitische Herausforderungen zu erfahren. Des Weiteren wird mit den Teilnehmer*innen über mögliche Strategien der Personalgewinnung, -bindung, -erhaltung und –entwicklung diskutiert, um sowohl offene Themenfelder und spezifische Aspekte der Personalpolitik im ländlichen Raum zu erschließen als auch um eine Basis für die darauffolgende standardisierte schriftliche Befragung zu generieren.


Expert*innenbefragung

Da Altenhilfeplanung eine kommunale Aufgabe ist (§ 8 SGB XI) und Gemeinden in der politischen Debatte um die Gewährleistung der Daseinsvorsorge (wohnortnahe Versorgung) eine immer wichtigere Rolle spielen, ergänzen Expert*innenbefragungen mit kommunalen Akteuren die Perspektive der Leistungserbringer. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, wie Pflegeunternehmen durch kommunale Akteure unterstützt werden können, um die Fachkräftesituation in der Pflege, auch unter dem Aspekt kommunaler Daseinsvorsorge, zu verbessern.

Ziel dieser Interviews ist es, den unternehmerischen Blick auf die Pflegepersonalsituation um gesellschaftliche Aspekte zu erweitern.


Schriftliche Befragung

Die Herausforderung dieses Teilvorhabens besteht darin, aus der Analyse der aktuellen Pflegefachkräftesituation in Verbindung mit der Erhebung bereits angewandter Methoden und Maßnahmen bei Pflegeunternehmen der Region, praxistaugliche erfolgversprechende Personalgewinnungs-, bindungs, und -entwicklungsstrategien zu eruieren. Es wird das Ziel verfolgt, Schlüsselkonstellationen für eine erfolgreiche Personalpolitik aufzuzeigen, damit Pflegeunternehmen im ländlichen Baden-Württemberg ihr strategisches Vorgehen -mit Blick auf raumstrukturelle Besonderheiten- entsprechend ausrichten können.

Auf Basis der Erkenntnisse aus der qualitativen Analyse (Fokusgruppendiskussionen und Expert*inneninterviews) werden alle Pflegeunternehmen der Region Bodensee-Oberschwaben (Vollerhebung) schriftlich zu ihrer Einschätzung der aktuellen und zukünftigen Pflegepersonalsituation, zu angewandten Methoden und Maßnahmen ihres Personalmanagements sowie zur Wirksamkeit vorhandener Strategien befragt.

Die konkreten Ziele des Teilvorhabens sind:

  • Analyse und Beschreibung der aktuellen und zukünftigen Pflegefachkräftesituation in der ländlichen geprägten Region Bodensee-Oberschwaben. 
  • Bewertung der bereits angewandten Maßnahmen auf Basis der Expertise der befragten Personalverantwortlichen.
  • Konzeption von Schlüsselkonstellationen, Strategien und Handlungsempfehlungen für erfolgreiches Personalmanagement in Pflegeunternehmen mit Blick auf die Besonderheiten des ländlichen Raums.

Teilvorhaben II: Die Perspektive zukünftiger Leistungsnutzer*innen

In zwei Untersuchungsschritten werden Angehörige pflegenaher Jahrgänge in der Region Bodensee-Oberschwaben zu ihren Auffassungen und Vorstellungen zu guter Pflege befragt.


Schriftliche Befragung der Angehörigen pflegenaher Jahrgänge

Im Rahmen des zweiten Teilvorhabens wird eine schriftliche Befragung der regionalen Bevölkerung im Alter zwischen 65 und 75 Jahren durchgeführt. Diese dient der Beantwortung folgender Fragestellungen: Wie stellen sich Menschen pflegenaher Jahrgänge ihre spätere Pflegesituation vor? Welche Wohnformen und -orte präferieren sie? Was erwarten sie von den Leistungserbringern? Und was zeichnet aus ihrer Sicht gute Pflege aus?

Ziel dieser Erhebung ist es, im Hinblick auf den ländlichen Raum, differenzierte, möglichst generalisierbare Erkenntnisse zu den Auffassungen, Vorstellungen, Erwartungen und Präferenzen zukünftiger Leistungsnutzer*innen hinsichtlich ihrer pflegerischen Versorgung zu ermitteln.


Leitfadengestützte Interviews

Leitfadengestützte Interviews mit Angehörigen quantitativ identifizierter Subgruppen ergänzen die Ergebnisse der schriftlichen Erhebung und unterstützen die Interpretation der Daten aus der Bevölkerungsbefragung. Detaillierte Hintergründe zu vorhandenen Altersbildern in der Gesellschaft, zu gesellschaftlichen Erwartungen an das eigene (hohe) Alter inkl. der Versorgung bei Pflegebedürftigkeit sollen dadurch aufgezeigt werden.


Zur Ausgangslage: Pflege im ländlichen Raum

Eine zentrale Herausforderung im Pflegewesen ist der Fachkräftemangel v.a. bedingt durch den demografischen Wandel: Die Zahl der Pflegebedürftigen in Baden-Württemberg könnte allein aus demografischen Gründen bis zum Jahr 2030 um 37% steigen (bis 2050 sogar um 80%), bei gleichzeitigem Rückgang des Anteils der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Berücksichtigt man weitere Faktoren wie bspw. den bisherigen Trend zur professionellen Pflege, erhöht sich bei gleichbleibendem Verhältnis zwischen Pflegepersonal und Pflegebedürftigen bis 2030 der Bedarf an Pflegepersonal um 45% (Gölz und Weber 2015). Regionalisierte Vorausberechnungen zeigen dabei einen sehr differenzierten Verlauf dieser Entwicklung (Kricheldorff et al. 2015).

Nach eigenen Berechnungen auf Datenbasis der Bertelsmann-Stiftung (www.wegweiser-kommune.de) wird für den Landkreis Ravensburg im Jahr 2030 von mehr als 1.000 unbesetzten Stellen im Pflegesektor ausgegangen (Bertelsmann Stiftung 2017). Ferner sind die kontinuierliche Alterung sowie die hohe Fluktuation der Pflegekräfte eine Herausforderung. Um diese Problemstellungen zu bewältigen, sind zum einen personalpolitische Strategien unter Berücksichtigung fachlicher, lebensweltlicher und kultureller Vielfalt von Pflegekräften notwendig. Zum anderen wird weiteres Wissen über Perspektiven und Präferenzen zukünftiger Pflegebedürftiger benötigt.

Das Teilprojekt der Hochschule Ravensburg-Weingarten fokussiert dabei auf die Besonderheiten der Pflege im ländlichen Raum und erforscht die Personalsituation in der ländlichen Region Bodensee-Oberschwaben.

Literaturverzeichnis:

Bertelsmann Stiftung (Hg.) (2017): Ravensburg, LK - Versorgungslücken bei den Pflegekräften - Wegweiser Kommune. Online verfügbar unter www.wegweiser-kommune.de/statistik/ravensburg-lk+versorgungsluecken-bei-den-pflegekraeften+stationaere-pflege-2013-bis-2030-2+balkendiagramm, zuletzt geprüft am 16.11.2017.

Gölz, Uwe; Weber, Matthias (2015): Pflege im Spannungsfeld einer alternden Gesellschaft – Ergebnisse der Pflegestatistik 2013. In: Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg (6), S. 16–22, zuletzt geprüft am 29.05.2017.

Kricheldorff, Cornelia; Himmelsbach, Ines; Kellner, Anne; Thielhorn, Ulrike; Werner, Burkhard (2015): Pflege in Baden-Württemberg zukunftsorientiert und generationengerecht gestalten. Gutachten für die Enquete Kommission Pflege zur Bestandsaufnahme in Baden-Württemberg. Unter Mitarbeit von Thomas Brijoux, Tobias Eckert, Maren Kaller, Jasmin Kiekert und Lucia Tonello. Hg. v. Katholische Hochschule Freiburg, zuletzt geprüft am 04.04.2017.