Teilprojekt der Hochschule Ravensburg-Weingarten

Pflege im ländlichen Raum

Wissenschaftliche Leitung:

Prof. Dr. Maik H.-J. Winter

Ansprechpartnerinnen:

Claudia Boscher, M.A. Gesundheitsförderung; wissenschaftliche Mitarbeiterin

Dr. Florian Fischer, M.Sc. Public Health; wissenschaftlicher Mitarbeiter

Lea Raiber, M.A. Angewandte Gesundheitswissenschaft; wissenschaftliche Mitarbeiterin

 

 


Die Hochschule Ravensburg Weingarten (RWU) befasste sich in der ersten Förderphase mit zwei Teilvorhaben, die den folgenden beiden Handlungsfeldern „Vorhandene Fachkräfte im Pflegeberuf halten“ (Handlungsfeld I) und „Neue Fachkräfte gewinnen und neue Potenziale erschließen“ (Handlungsfeld II) zuzuordnen sind.

Dabei wurde die spezifische Situation des Fachkräftemangels im ländlichen Raum aus den Perspektiven der Leistungserbringer (Teilvorhaben I) sowie der zukünftigen Leistungsnutzer*innen (Teilvorhaben II) adressiert.

Eine zentrale Herausforderung im Pflegewesen ist der Fachkräftemangel v.a. bedingt durch den demografischen Wandel: Die Zahl der Pflegebedürftigen in Baden-Württemberg könnte allein aus demografischen Gründen bis zum Jahr 2030 um 37% steigen (bis 2050 sogar um 80%), bei gleichzeitigem Rückgang des Anteils der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Berücksichtigt man weitere Faktoren wie bspw. den bisherigen Trend zur professionellen Pflege, erhöht sich bei gleichbleibendem Verhältnis zwischen Pflegepersonal und Pflegebedürftigen bis 2030 der Bedarf an Pflegepersonal um 45% (Gölz und Weber 2015). Regionalisierte Vorausberechnungen zeigen dabei einen sehr differenzierten Verlauf dieser Entwicklung (Kricheldorff et al. 2015).

Nach eigenen Berechnungen auf Datenbasis der Bertelsmann-Stiftung (www.wegweiser-kommune.de) wird für den Landkreis Ravensburg im Jahr 2030 von mehr als 1.000 unbesetzten Stellen im Pflegesektor ausgegangen (Bertelsmann Stiftung 2017). Ferner sind die kontinuierliche Alterung sowie die hohe Fluktuation der Pflegekräfte eine Herausforderung. Um diese Problemstellungen zu bewältigen, sind zum einen personalpolitische Strategien unter Berücksichtigung fachlicher, lebensweltlicher und kultureller Vielfalt von Pflegekräften notwendig. Zum anderen wird weiteres Wissen über Perspektiven und Präferenzen zukünftiger Pflegebedürftiger benötigt.

Deshalb fokussierte das Teilprojekt der Hochschule Ravensburg-Weingarten auf die Besonderheiten der Pflege sowie der Personalsituation im ländlichen Raum am Beispiel der Region Bodensee-Oberschwaben.

 

Um die mit dem ländlichen Raum assoziierten Besonderheiten in der Pflege umfassend zu ermitteln, wurde ein empirischer Zugang mit folgenden Methoden gewählt:

  • Unter explorativer Herangehensweise wurden Expert*innen aus Pflegeunternehmen, Kommune und Welcome Center in der Region Bodensee-Oberschwaben zu aktuellen personalpolitischen und strukturellen Problemstellungen der Pflegebranche sowie möglichen Bewältigungsstrategien befragt. Dafür wurden Fokusgruppendiskussionen mit Personalverantwortlichen aus den Pflegeunternehmen sowie Expert*innenbefragungen mit Vertreter*innen aus Kommune und Welcome Center genutzt.
  • Auf Basis der Ergebnisse dieser explorativen Erhebungen wurden anschließend alle in der Region Bodensee-Oberschwaben ansässigen Pflegeunternehmen schriftlich zu verschiedenen Problemlösungsstrategien befragt. Dabei wurden positive Schlüsselkonstellationen für eine erfolgreiche Personalgewinnung, -bindung und ‑entwicklung in der Pflege ermittelt.
  • Die Perspektive zukünftiger Nutzer*innen pflegerischer Leistungen wurde durch eine repräsentative Bevölkerungsbefragung eruiert. Angehörige pflegenaher Jahrgänge wurden zu ihren Auffassungen, Vorstellungen, Erwartungen und Präferenzen zu guter Pflege befragt.
  • Diese Ergebnisse wurden durch vertiefende, leitfadengestützte Interviews mit Angehörigen pflegenaher Jahrgänge ergänzt und validiert. Weitere Spezifika zu den Erwartungen an Pflege im ländlichen Raum wurden herausgearbeitet.

Teilvorhaben I: Die Perspektive der Leistungserbringer

In einem 2-Phasen-Mixed-Methods-Design wurde die Fachkräftesituation in der Region Bodensee-Oberschwaben beschrieben und analysiert. Ziel war es, Strategien und Handlungsleitlinien für positive Schlüsselkonstellationen erfolgreicher Personalarbeit in der Pflege abzuleiten.


Fokusgruppendiskussionen

Die Expert*innen aus akutstationärer, ambulanter und langzeitorientierter Pflege diskutierten in leitfadengestützten Fokusgruppendiskussionen folgende Forschungsfragen: Wie schätzen Pflegeunternehmen die aktuelle und zukünftige Fachkräftesituation in der ländlichen Region ein? Was kann auf Unternehmensebene getan werden, damit die Beschäftigungsfähigkeit erhalten und entwickelt werden kann? Welches Potential birgt die Rekrutierung von Pflegefachkräften aus dem Ausland - insbesondere für ländliche Regionen in Baden-Württemberg?

Ziel dieser Fokusgruppendiskussionen war es, zunächst mehr über die Pflegefachpersonalsituation in ländlichen Regionen und damit verbundene personalpolitische Herausforderungen zu erfahren. Des Weiteren wurde mit den Teilnehmer*innen über mögliche Strategien der Personalgewinnung, -bindung, -erhaltung und –entwicklung diskutiert, um sowohl offene Themenfelder und spezifische Aspekte der Personalpolitik im ländlichen Raum zu erschließen als auch um eine Basis für die darauffolgende standardisierte schriftliche Befragung zu generieren.


Expert*innenbefragung

Da Altenhilfeplanung eine kommunale Aufgabe ist (§ 8 SGB XI) und Gemeinden in der politischen Debatte um die Gewährleistung der Daseinsvorsorge (wohnortnahe Versorgung) eine immer wichtigere Rolle spielen, ergänzten Expert*innenbefragungen mit kommunalen Akteuren die Perspektive der Leistungserbringer. Dabei wurde insbesondere der Frage nachgegangen, wie Pflegeunternehmen durch kommunale Akteure unterstützt werden können, um die Fachkräftesituation in der Pflege, auch unter dem Aspekt kommunaler Daseinsvorsorge, zu verbessern.

Ziel dieser Interviews war es, den unternehmerischen Blick auf die Pflegepersonalsituation um gesellschaftliche Aspekte zu erweitern.


Schriftliche Befragung

Basierend auf der Analyse der aktuellen Pflegefachkräftesituation in Verbindung mit der Erhebung bereits angewandter Methoden und Maßnahmen bei Pflegeunternehmen der Region sollten praxistaugliche erfolgversprechende Strategien zur Personalgewinnung, -bindung und -entwicklung herausgearbeitet werden. Die schriftliche Befragung sollte somit dazu dienen, Schlüsselkonstellationen für eine erfolgreiche Personalpolitik aufzuzeigen, damit Pflegeunternehmen in ländlichen Regionen Baden-Württembergs ihr strategisches Vorgehen - mit Blick auf raumstrukturelle Besonderheiten - entsprechend ausrichten können.

Auf Basis der Erkenntnisse aus der qualitativen Analyse (Fokusgruppendiskussionen und Expert*inneninterviews) wurden alle Pflegeunternehmen der Region Bodensee-Oberschwaben (Vollerhebung) schriftlich zu ihrer Einschätzung der aktuellen und zukünftigen Pflegepersonalsituation, zu angewandten Methoden und Maßnahmen ihres Personalmanagements sowie zur Wirksamkeit vorhandener Strategien befragt. Mehr als ein Viertel der Leistungserbringer aus der Region nahm an dieser Befragung teil.

Die konkreten Ziele des Teilvorhabens waren:

  • Analyse und Beschreibung der aktuellen und zukünftigen Pflegefachkräftesituation in der ländlichen geprägten Region Bodensee-Oberschwaben. 
  • Bewertung der bereits angewandten Maßnahmen auf Basis der Expertise der befragten Personalverantwortlichen.
  • Konzeption von Schlüsselkonstellationen, Strategien und Handlungsempfehlungen für erfolgreiches Personalmanagement in Pflegeunternehmen mit Blick auf die Besonderheiten des ländlichen Raums.

Teilvorhaben II: Die Perspektive zukünftiger Leistungsnutzer*innen

In zwei Untersuchungsschritten wurden Personen im Alter zwischen 65 und 75 Jahren in der Region Bodensee-Oberschwaben zu ihren Auffassungen und Vorstellungen zu guter Pflege befragt, um somit die Erwartungen und Präferenzen an eine mögliche spätere pflegerische Versorgung zu erfragen.


Schriftliche Befragung

Im Rahmen des zweiten Teilvorhabens wurde eine repräsentative schriftliche Befragung in den Landkreisen Ravensburg, Sigmaringen und im Bodenseekreis der Bevölkerung im Alter zwischen 65 und 75 Jahren durchgeführt, an der 625 Personen teilnahmen. Diese diente der Beantwortung folgender Fragestellungen: Wie stellen sich Menschen ihre spätere Pflegesituation vor? Welche Wohnformen und -orte präferieren sie? Was erwarten sie von den Leistungserbringern? Und was zeichnet aus ihrer Sicht gute Pflege aus?

Ziel dieser Erhebung war es, im Hinblick auf den ländlichen Raum, differenzierte, möglichst generalisierbare Erkenntnisse zu den Auffassungen, Vorstellungen, Erwartungen und Präferenzen zukünftiger Leistungsnutzer*innen hinsichtlich ihrer pflegerischen Versorgung zu ermitteln.


Leitfadengestützte Interviews

Es wurden 22 vertiefende leitfadengestützte Interviews mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern der schriftlichen Befragung ergänzten die Ergebnisse der schriftlichen Erhebung und unterstützten die Interpretation der Daten aus der Bevölkerungsbefragung. Dieses Vorhaben ermöglichte, detaillierte Hintergründe zu vorhandenen Altersbildern in der Gesellschaft, zu gesellschaftlichen Erwartungen an das eigene (hohe) Alter inkl. der Versorgung bei Pflegebedürftigkeit aufzuzeigen.


Literaturverzeichnis

Bertelsmann Stiftung (Hg.) (2017): Ravensburg, LK - Versorgungslücken bei den Pflegekräften - Wegweiser Kommune. Online verfügbar unter www.wegweiser-kommune.de/statistik/ravensburg-lk+versorgungsluecken-bei-den-pflegekraeften+stationaere-pflege-2013-bis-2030-2+balkendiagramm, zuletzt geprüft am 16.11.2017.

Gölz, Uwe; Weber, Matthias (2015): Pflege im Spannungsfeld einer alternden Gesellschaft – Ergebnisse der Pflegestatistik 2013. In: Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg (6), S. 16–22, zuletzt geprüft am 29.05.2017.

Kricheldorff, Cornelia; Himmelsbach, Ines; Kellner, Anne; Thielhorn, Ulrike; Werner, Burkhard (2015): Pflege in Baden-Württemberg zukunftsorientiert und generationengerecht gestalten. Gutachten für die Enquete Kommission Pflege zur Bestandsaufnahme in Baden-Württemberg. Unter Mitarbeit von Thomas Brijoux, Tobias Eckert, Maren Kaller, Jasmin Kiekert und Lucia Tonello. Hg. v. Katholische Hochschule Freiburg, zuletzt geprüft am 04.04.2017.